Ist Nachhaltigkeit eine Möglichkeit die Markt- und Meinungsforschung neu zu positionieren?

„Nachhaltigkeit“ ist neben „Pandemie“ vermutlich das am häufigsten verwendete Buzzword unserer Tage. In unserer Branche hat das Thema „Nachhaltigkeit“ aber bislang (abgesehen von Projekten zu diesem Thema, die wir für unsere Kunden durchführen durften) keine große Beachtung gefunden.

Am 2. Mai, dem internationalen Tag der Markt- und Meinungsforschung (IMRD) diskutierten Vertreter aus Deutschland, Österreich und der Schweiz über die Bedeutung von Nachhaltigkeit für unsere Branche im Rahmen einer Online-Veranstaltung der Verbände ADM, DGOF, VMÖ sowie Swiss Insights.

Österreich war durch die VMÖ Präsidentin Alice Flamant (Magenta Telekom) und dem ehemaligen VMÖ Vorsitzenden und Mitorganisator des Events Robert Sobotka (Telemark Marketing) im Rahmen der Paneldiskussion vertreten, an der 60 Personen aus den drei Ländern teilnahmen.

Sebastian Götte (Vorstandsmitglied des ADM) erläuterte in seiner Keynote die Sustainable Developement Goals (SDG) der Vereinten Nationen und zeigte damit auf, dass Nachhaltigkeit mehr als nur Umweltaspekte umfasst.

Anschließend verwies Ines Imdahl (Rheingoldsalon) auf die einschränkenden Rahmenbedingungen für die Institute, wenn diese nachhaltig agieren sollen. Nachhaltiges Arbeiten verursacht Mehrkosten und um diese Kosten zu tragen, bedarf es eines Stopps des Preisdumpings. Die Auftraggeber sind gefragt, nachhaltige Marktforschung zu honorieren.

Den dritten Referatsinput lieferte Stephan Teuber (GIM), der meinte, dass im Gegensatz zu anderen Branchen die Möglichkeiten der Markt- und Meinungsforschungsbranche einen starken Impact zu leisten gering sind. Mit vielen „kleinen“ Aspekten kann aber jedes Institut und jeder Mitarbeiter etwas beitragen, um in Summe etwas zu bewirken. Die Möglichkeiten dafür sind vielfältig.

In der anschließenden Diskussion erweiterte Robert Sobotka (Telemark Marketing) die Diskussion über die sozialen Aspekte der Nachhaltigkeit – wie sie auch in den sogenannten ESG-Kriterien definiert sind. Im sozialen Bereich kann und wird in unserer Branche bereits viel bewegt. Man denke zum Beispiel an Inklusion behinderter Menschen, Gleichbehandlung von Frauen, Integration von Migranten und Wertschätzung älterer Menschen als wertvolle Arbeitnehmer.

Alice Flamant (VMÖ und Magenta Telekom) hob hervor, dass man auch als Marktforscher verstärkt das Bewusstsein für die Wertigkeit von Nachhaltigkeit schärfen muss – Nachhaltigkeit hat seinen Preis. Hinsichtlich Gleichbehandlung der Geschlechter zog sie Bilanz und konstatierte der österreichischen Marktforschung ein gutes Zeugnis. Sie verwies dabei auf die positive Auswirkung der gesetzlichen Quotenregelung. Als Betriebsmarktforscherin unterstützt sie und ihr Unternehmen nachhaltiges Verhalten als Auftraggeber. Dies ist aber derzeit noch eine rühmliche Ausnahme, replizierte Robert Sobotka.

Der Schweizer Vertreter Michael Buess (Swiss Insights) sieht die bisherige Entwicklung in seinem Land weniger optimistisch: Bislang beschäftigte man sich in der Schweizer Branche wenig mit dem Thema und er sieht auch in Zukunft eher geringe Chancen, dass nachhaltiges Verhalten in der Branche Unterstützung finden wird. Aber man wird auch bei den Eidgenossen dieses Thema weiterhin im Auge behalten.

Alles in allem konnte aufgrund der Breite des Themas in den zwei Stunden nicht allumfassend diskutiert werden. Es ist aber zumindest ein Anfang getan, Ideen für eine nachhaltige Markt- und Meinungsforschung zu entwickeln und in weiterer Folge umzusetzen. Der deutsche Verband ADM arbeitet im Rahmen einer Arbeitsgruppe daran. Vor allem der soziale Aspekt von Nachhaltigkeit eröffnet unserer Branche eventuell die Chance mittelfristig eine positiv wahrgenommene Imagepositionierung in der breiten Bevölkerung einzunehmen.

 

 

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